Brigitte Seidler


Brigitte Seidler

Meine Schwiegermutter, ich und die Bügelmaschine.

Meine Schwiegermutter und ich  hatten von Anfang an ein schwieriges Verhältnis, alles was ich machte war falsch. Da prallten Meinungen und Weltanschauungen aufeinander. Sie wohnte in einer entfernten Stadt und so sahen wir uns glücklicherweise nur zwei dreimal im Jahr, wenn sie zu Besuch kam.   Wenn sie da war ging nach kurzer Zeit das Gerangel los. Die Milch, die ich kaufte war ungesund, das Essen, das ich kochte war nicht nahrhaft und ausgewogen, auch die Kinder habe ich nicht richtig erzogen und einen Hund in der Familie mit kleinen Kinder war unmöglich. Je länger sie da war umso schwieriger wurde die Situation. Die Spannungen stiegen Tag um Tag.

Ich hatte damals zwei kleine Kinder und das jüngste Kind war schwer krank, Christian hatte einen Tumor in der Nebenniere und verstarb nach einem Jahr der Krankheit. Das Verhältnis zu meiner Schwiegermutter  wurde noch schwieriger. Sie war der Meinung, dass ich schuld war an der Krankheit meines Kindes. In ihrer Familie gab es solche Krankheiten nicht und ich hätte wohl schon in der Schwangerschaft etwas falsch gemacht.  Es gab kein Verständnis, kein Mitfühlen oder Mithilfe von ihrer Seite. Auch die Annahme, dass ihr Sohn (mein Ehemann) in diesen Verhältnissen und der angeblichen überhöhten Fürsorge für das kranke Kind einfach zu kurz kam, war immer wieder Anlass für neuen Streit. In dieser so und so schweren Zeit trafen mich ihre Vorwürfe besonders hart und ich reagierte immer heftiger und ich konnte sie einfach nicht mehr ertragen. Die Sorgen und die Ängste um mein krankes Kind ließen mir keinen Raum, die notwendige Geduld und Gelassenheit aufzubringen um das Verhältnis zu meiner Schwiegermutter durch mein Verhalten etwas zu entspannen. Irgendwann warf sie mir vor, ich könnte nicht mit Geld umgehen, ich werfe das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster, weil ich die Wäsche im Wäschetrockner trocknete. Die Tatsache, dass ich zwei kleine Kinder hatte, sehr oft mit meinen jüngsten Kind ins Krankenhaus musste und der Wäschetrockner die Wäsche glatt und schrankfertig wieder lieferte, galt nicht.

Sie kaufte mir eine Bügelmaschine damit ich besser, schneller und kostensparender die Wäsche bearbeiten konnte. Die Bügelmaschine stand nun schon lange Zeit in meiner Waschküche und immer, wenn ich die Maschine sah erinnerte sie mich an meine Schwiegermutter und an all die Verletzungen, Ungerechtigkeiten und Lieblosigkeiten. Der ständige Groll nagt an mir und alle Einzelheiten wurden immer größer in meinem Kopf, ich empfand nur noch Bitterkeit und Hass. Die Gedanken an meine Schwiegermutter hatten mich gefangenen genommen und wühlten mich immer wieder neu auf. Irgendwann abends sagte mein Mann: „Du musst meiner Mutter vergeben.“ Ich fand das unerhört, so etwas von mir zu fordern. Sie ist doch schuldig an mir geworden. Sollte ich ihr alles vergeben und mit einem Handschlag all die Kränkungen von Tisch wischen – das erschien mir schlicht und einfach ungerecht. Natürlich wusste ich als junger Christ, dass Vergebung ein wichtiger Teil meines Glaubens war. Aber so einfach ist das nicht.  Sie muss doch erst einsehen, was sie alles falsch gemacht hat, ich wollte Gerechtigkeit und ich dachte, wenn ich ihr vergebe wird ihr die Schuld nie bewusst. Mein Mann gab nicht auf. Diese Diskussion dauerte Stunden und er blieb hartnäckig. Wir beten doch im Vaterunser, vergib uns unsere Schuld, so wie wir unseren Schuldigern vergeben. Gott vergibt uns nur so viel Schuld wie wir auch vergeben. Das ist schon hart, denn es gibt Schuld die mal so passiert und es gibt schwere Schuld. „Ja, also lieber Gott, hier verlangst du schon einiges von uns, dass ist einfach unmenschlich.“

Nach langer Diskussion gab ich nach, eigentlich hatte ich keine Lust mehr, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, ich wollte meine Ruhe haben. Um das Ganze zu beenden, sagte ich okay und betete: „Herr Jesus, ich vergebe ihr“. Aber ich wollte ja nicht lügen, Gott sieht doch in unser Herz und nach einer kleinen Pause sagte ich, aber es kommt nicht von Herzen. Ich empfand nach diesem Gebet auch nichts besonders, ich war genauso aufgewühlt wie immer, wenn es um dieses Thema ging. Doch mit diesem Nachsatz war ich  ehrlich vor Gott und gestand  ein, dass ich nicht fähig bin aus mir heraus zu vergeben. Aber ich machte durch das Eingeständnis meiner Unfähigkeit zu vergeben, Gott den Weg frei zu handeln. Seit dieser Stunde des kleinen Gebetes, war die Bügelmaschine in der Waschküche nur eine Bügelmaschine, die sinnlos herumstand und die negativen Gedanken an meine Schwiegermutter waren weg. Ich war sehr erstaunt darüber und versuchte mich wieder in das alte Gedankenmuster hinein zu denken. Aber es gelang mir nicht. Die Erinnerungen waren verblasst, sie waren nicht weg, aber sie hatten nicht mehr die Kraft mich aufzuwühlen und ganz langsam begann ich Gott zu danken für dieses Wunder. Denn ich dachte noch einige Zeit, dass ich ein Recht darauf hätte an meinem verletzt sein und an meinem Zorn festzuhalten. Aber diese negativen Gedanken hatten keine Macht mehr über mich.

Auch das nächste Zusammentreffen mit meiner Schwiegermutter, war anders als all die Jahre zuvor. Wir waren zusammen und es gab keinen Anlass zum Streiten.  Es war ein Wunder für mich. Es tat so gut, nicht mehr die negativen Gefühle zu haben. Ich fühlte mich befreit. Ich staunte einfach über die Erkenntnis, dass unsere Gefühle Gott nicht gleichgültig sind und das erstaunte mich und bis heute immer wieder. Es ist Gott nicht egal wie es uns geht, er hat Gedanken des Friedens über uns, so steht es auch in der Bibel in Gottes Wort, und man darf es erleben. Er weiß warum wir Leiden, er weiß was wir durchmachen, er versteht uns und er will unsere Seelen und Schmerzen heilen, er will uns inneren Frieden geben. Und Vergebung bedeutet Befreiung. Gott heilte nicht nur mich, er veränderte auch meine Schwiegermutter.  Der Umgang  miteinander war respektvoller und freundlicher.  Meine Veränderung bewirkte auch auf sie eine Veränderung. Ich hatte ja auch Fehler gemacht, wie mit Röntgenaugen habe ich jeden Fehler bei ihr gesehen und jedes Wort auf die Waagschale gelegt und meinen Fehlern gegenüber war ich blind. Das ist die zweite Seite der Medaille, wir müssen vergeben, aber wir müssen auch unsere eigne Seite der Schuld sehen. Ja, ich hatte sie verurteilt, ja, ich hatte sie in meinem Herzen verachtet.

Meine Ehe wurde nach 20 Jahren geschieden, plötzlich stand ich allein da mit drei kleinen Kindern, ein neues Kapitel der Vergebung tat sich. Wider meinem Erwarten litt meine Schwiegermutter sehr darunter, dass ihr Sohn diesen Schritt ging, sie blieb mir treu bis zu ihrem Lebensende. Sie versuchte mir beizustehen in dieser Zeit, wo in mir eine Welt zusammenbrach.  Ja sie besuchte uns öfters und obwohl sie selber 4 Kinder hatte liebte sie es an Weihnachten immer bei mir und meinen Kindern zu sein. Auch hatte ich die Gelegenheit, irgendwann mit ihr zu reden über all die Verletzungen und wie schwer es war für uns (auch für meinen Mann) das auszuhalten. Ich versuchte ganz behutsam und vorsichtig zu formulieren und sagte ihr, dass ich ihr schon lange vergeben hätte. Sie sagte nichts und verteidigte sich auch nicht, sie weinte. Es hat mich sehr berührt und zum ersten Mal spürte ich in meinem Herzen was Barmherzigkeit ist. Eigentlich tat es mir Leid, dass ich alten Geschichten wieder auf gedeckt habe. Ich brauchte keine Gerechtigkeit mehr.

Gott lehrte mich etwas anderes. Er lehrte mich seine Denkweise, nämlich, dass er Barmherzigkeit über Gerechtigkeit stellt. Sie war kein einfacher Mensch, aber sie hatte sich verändert nach ihren Möglichkeiten. Ich durfte auch erkennen, wenn wir vergeben und uns bemühen um Frieden, dass wir sehen, der andere ist auch durch seine Lebensgeschichte geprägt und dass sein Handeln und denken davon abhängig sind und ich kann das doch nicht ändern. Meine Schwiegermutter war in Ostpreußen geboren und im zweiten Weltkrieg musste sie mit zwei kleinen Kindern, einem Säugling und einem zweijährigem Kind, fliehen vor der russischen Armee. Der Mann war im Krieg und die Eltern waren kurz vorher umgekommen. Sie hatte mit niemand darüber gesprochen was sie alles erlebt hatte. Für mich kam die Erkenntnis, dass sie all ihre Gefühle unterdrücken musste um damit fertig zu werden und dass sie Leid nicht mehr ertragen konnte. Sie konnte mit der Krankheit und dem Tod meines Kindes nicht umgehen. Es war ihr nicht möglich. Manchmal tat sie mir sehr leid, dass sie gefangen war in ihren unverarbeiteten Gefühlen.  Sie gehörte nicht zu der Generation, die in irgendeiner Form Hilfe bekam oder annahm um aus ihren eigenen Leid heraus zukommen.  Sie nahmen es einfach hin, es war halt so und das machte sie hart und unbarmherzig sich gegenüber und anderen. Und ich denke wir müssen auch nicht Opfer sein oder bleiben, wenn uns Unrecht geschieht. Wir können aktiv werden nach Gottes Vorbild und Vorgaben und er gibt uns seinen Frieden damit.

Er hat unsere Schuld vergeben und er möchte dass wir auch vergeben.  Und er lässt uns in diesen handeln und in diesem Prozess nicht allein. Denn Vergebung kann dauern, es geht nicht immer von heute auf morgen  und  er kennt unsere Unfähigkeit zu vergeben.  Wir müssen aber ehrlich sein und wollen.

Brigitte Seidler